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Bauhütte Kirche Gubin Historisches Zeittafel Rys historyczny

erstellt durch Vorwort 1. Einleitung 2. Zum Ort 3. Aufgabenverständnis 4. Zusammenfassung der Analyse und Prämissen 5. Konzept 6. Konzeptbausteine 6.1.1. Bauhütte, Ausgangssituation 6.1.2. Bauhütte, Aufgabe und Struktur 6.1.3. Bauhütte, Finanzierung 6.1.4. Bauhütte - Der Turm - 6.2. Zentrum für Kommunikation und Kultur 6.2.1. Ausgangssituation 6.2.2. zum Ausbaukonzept 6.3. Archiv für Kulturerbe 7. Nutzungs- und Betreiberkonzept 7.1. Grundlage des Nutzungskonzeptes 7.2. Betreiberstruktur 8. Zeit- und Maßnahmenplan Nächste Schritte Internationaler Architektenwettbewerb 2013 Ergebnis des Architekturwettbewerbes Die 10 Gedanken

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Die 10 Gedanken


IM ANFANG WAR DAS WORT oder WIDER DAS VORURTEIL
von Manfred Guder,
ein Wortbeitrag zu Wiederaufbauüberlegungen,
abgegeben auf der Konferenz am 7./8. September 2007 in Gubin

Wovor sollten wir uns hüten?
Das war die Frage, mit der mich Herr Quiel konfrontierte, als wir vor wenigen Tagen den ersten Kontakt aufnahmen. Aus den Erfahrungen beim Wiederaufbau der Stadtpfarrkirche St. Marien Müncheberg (Landkreis Märkisch Oderland) lege ich hier ein paar zugespitzt formulierte Thesen und Fragen vor. Ich verzichte auf Bilder aus Müncheberg und anderen Projekten. Ich habe den Eindruck, dass es hier um ein Projekt geht, welches noch ganz am Beginn steht. Wenn es eine wichtige Erfahrung aus dem Projekt St. Marien Müncheberg gibt, dann ist es die, dass Euphorie, Eile, und Vorurteile schlechte Ratgeber sind. Diese kosten schliesslich Zeit, denn schlecht bewältigte oder unerledigte Aufgaben kommen immer wieder neu auf den Tisch.

1. VORURTEILE
Hüten wir uns vor schnellen Urteilen im Umgang mit dem baulichen Erbe.
Vor dem ersten Strich auf dem Papier, der z.B. eine Wand definiert, ist die Analyse das Wichtigste.
Analyse des Gebäudes: technisch und architektonisch.
Analyse inhaltlich, hinsichtlich der Bestimmung und Nutzung.
Analyse der Situation im Ort und der deutsch-polnischen Beziehungen.
Lassen Sie uns viele Fragen stellen.
Zum Beispiel:
Was bedeutet es, wenn katholische Polen und atheistische sowie protestantische Deutsche gemeinsam eine ehemals evangelische Kirche wieder aufbauen, die faschistische Deutsche kurz vor Kriegsschluss zerstörten, aus unbedingtem Siegeswillen, in einem Krieg, den Sie – die Deutschen – über Europa und die Welt brachten?
Ist eine Kirche auch dann eine Kirche, ja ein Haus Gottes, wenn sie zerstört ist und der Stadt gehört?
Gibt es Häuser, deren Architektur und inhaltliche Widmung so stark sind, dass man gegen diesen Geist des Gebäudes nicht bauen kann?
Was ist diese Kirche für die polnischen Bürger?
Was bedeutet ihnen der Wiederaufbau?
Und schlicht:
Was brauchen wir in Gubin?

2. EILE UND OBERFLÄCHLICHKEIT
Die Zeit ist das kostbarste Gut im Planungsprozess.
Hüten wir uns vor übertriebenem Zeitdruck.
Allein die Beantwortung all der genannten Fragen benötigt viel Zeit.
Bei der Stadtkirche handelt es sich um ein Gebäude, das selbst viele Jahrzehnte Bauzeit benötigte. Die Baumeister erlebten meist nicht die Fertigstellung. Der Bau war ein langer Prozess. Der Weg war Teil des Zieles. Könnte der Weg auch in Guben ein Teil des grossen Zieles der Versöhnung und des Zusammenwachsens der Stadtteile sein?

3. MACHT DER BILDER
Bilder trügen, denn wir sehen nur, was wir wissen.
Hüten wir uns vor der macht der Bilder.
Was sehen Sie in der Kirche?
Zerstörung?
Romantik?
Abglanz des Heiligen Geistes?
Eine Kirche?
Nutzungspotential?
Kubikmeter umbauten Raumes?
Ein Dach?
Jede Zeichnung, jede Fotomontage, jeder Entwurf, jede bildlich gefasste Idee, die ohne eine inhaltliche Grundlage gefertigt wird, ist ein Trugbild, ein Vorurteil.
In Müncheberg stellte die frühzeitige Einbringung von architektonischen Entwürfen z.B. zum Innenausbau eine erhebliche Belastung des Projektentwicklungsprozesses dar. Denn Diskussionen über Inhalte gehen an die eigene Substanz und das ist unbeliebt. Stattdessen wurde dann über Bilder diskutiert und die Inhalte drohten unterzugehen.

4. MACHT DES NÜTZLICHEN
Eine Kirche ist keine gewöhnliche Immobilie.
Hüten wir uns vor der Hoffnung, eine Kirche könne sich rechnen.
Kunst, Kultur und Religion, sind ein elementar wichtiger Luxus.
In der materialistischen Welt des Nützlichen ist es aus der Mode gekommen, „Nutzloses“ zuzulassen.
Gibt es vielleicht Dinge, die einfach nur da sein sollten und keiner konkreten Bestimmung bedürfen, ausser, dass man dort s e i n kann? Es gibt Baudenkmäler, z.B. Burgruinen, die sich einer erweiterten Nutzung – also ausser der, einfach da zu sein – entziehen.

5. MACHT DES GELDES
Wer das Geld gibt, bestimmt.
Hüten wir uns vor der Macht des Geldes.
Nicht alles was finanzierbar ist, ist auch gut für das Haus und die, die es nutzen wollen. Umnutzung und Ausbau um jeden Preis? Ist es das, was Sie wollen? Förderprogramme oder private Förderer können diese Tücke in sich bergen.

6. OHNE GELD GEHT NICHTS
Ein Gebäude kostet nicht nur einmalig bei seinem Aufbau, sondern auch stetige Unterhaltung. Hüten wir uns davor, ohne Einnahmen die Zukunft eines Gebäudes zu planen!
Hinzu treten nutzungsspezifische Kosten. Gibt es schliesslich ein Nutzungskonzept, verursacht dieses auch laufende Kosten. Jedes Nutzungskonzept muss also auch berücksichtigen, dass mit der Nutzung entweder Geld verdient werden muss oder durch regelmässige Zuwendungen die Nutzung abgesichert ist.


7. SYMBOLE
Eine Kirche hat einen Symbolwert.
Hüten wir uns davor, den Wert und die Bedeutung von Symbolen zu unterschätzen!
Symbole fordern spezifisches Verhalten dazu heraus.
Symbole provozieren und können es schwer machen, sich dem Gebäude zu nähern.
Ist eine Kirche ein offener Ort?
Verändert sich diese Offenheit, wenn eine bedeutende Gruppe der Bevölkerung christlichen Glaubens ist?
Ist der Symbolwert für ihr Projekt ohne Bedeutung?

8. DEMOKRATIE ALS BAUHERR
Wer bestimmt, was gebaut wird?
Über Inhalte kann man abstimmen.
Über Architektur auch?
Hüten wir uns davor, Demokratie populistisch zu betrachten.
Demokratie ist auch ein Prozess.
Über Architektur und Denkmalpflege lässt sich trefflich streiten.
Ein Gegenstand von einfachen Mehrheitsentscheidungen, sollten sie jedoch nicht sein. Bauherrenschaft demokratisch zu organisieren, ist eng mit Mitteln repräsentativer Demokratie verbunden. D.h. der Diskurs von ausgewählten Vertretern führt zu einer Mischung aus Fach- und Sachurteilen, die in eine – möglichst einmütige – Entscheidung münden. Der Architektenwettbewerb ist, wenn er auf der Basis einer im demokratischen Diskurs erarbeiteten Aufgabenstellung geschieht, das angemessene Mittel.

9. KIRCHENRÄUME SIND TEIL DES ÖFFENTLICHEN RAUMES
Unabhängig vom Glauben der Menschen oder Ihrer Weltanschauung, steht eine Kirche jedem Menschen offen. Hüten wir uns davor, diesem Geist der Kirchengebäude entgegenzuwirken.
Gerade evangelische Kirchen sind leider oft geschlossen.
Über die Gründe dafür, möchte ich mich nicht ausbreiten.
An katholischen Kirchen erlebt man aber noch heute, was eine Kirche, als für Jedermann offener Raum, sein kann. In der Zeit der Privatisierung des öffentlichen Raumes, ist der offene Kirchenraum eine Qualität an sich. Nutzungen, die diesen Charakter zerstören, widersprechen dem Geist eines Kirchengebäudes.

10. GRENZEN UND IDENTITÄT
Jede Offenheit hat ihre Grenzen.
Hüten wir uns davor, die eigene Identität zu Gunsten des grossen Ganzen aufzugeben.
Für uns Protestanten kann die Mitnutzung einer Kirche sehr weit gehen.
In St. Marien Müncheberg gibt es Regeln für den Umgang und das Miteinander. Natürlich sind Inhalte, die der Widmung des Raumes widersprechen, wie z.B. Gewaltverherrlichung untersagt. Bei oberflächlicher Betrachtung könnte man zu dem Urteil kommen, das es schlicht humanistische Werte sind, die diese Grenze definieren. Doch auch gänzlich unchristliche religiöse Auffassungen sind hier, auch um der eigenen Identität willen (die Kirche gehört dort noch immer der evangelischen Kirche) nicht zulässig. Das kann in einer Kirche in städtischem Besitz anders sein, aber für uns Christen stellt die ursprüngliche Widmung eine Grenzziehung dar (siehe auch Symbole).

Nachbemerkung
Diese Auswahl von 10 Punkten, zu dem, wovor man sich hüten sollte ist selbstverständlich unvollständig. >> Die Wege des Herrn sind unergründlich. << Das Leben geht seine eigenen Wege. Jeder feste Standpunkt birgt die Gefahr, unbeweglich zu werden. Letztlich kommt es zuvorderst auf die Inhalte an, die am jeweiligen Ort bestimmend sind. Ihnen von den Unwägbarkeiten und Gefahren beim Aufspüren dieser Inhalte aus meiner Erfahrung zu berichten, darin sah ich hier meine Aufgabe.


Konferenz am 7./8. September 2007 in Gubin


die Konferenzteilnehmer besuchen die Kirche


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